s c h r e i b t i s c h

 

 

Arbeit am Debütroman

s.l.


Clowns (2016)

Text und Bild: Sigrid Likar, Auszug aus „Life is born“

s.l.

Ich denke, dass ich angedenks der Tatsache bedenklich bald Mutter zu sein, bedenken sollte, bald mit Bedacht achtsam nachzudenken über folgende Punkte in meinem Memorandum. Was denken Sie?“

Ich zeichne einen Kreis, oben offen, leg das Handy neben das Blatt, Lautsprecher an.

Ich blinke jeden Abend mit Taschenlampenlicht durch die Bauchmuskeln zum Kind. Links die Rechnung, rechts die Lösung. Blink und Blink Blink ist Blink Blink Blink.

Der japanische Haifisch hat meine Firma geschluckt. Ich bin aber kein Goldfisch mehr. Ich bin jetzt schon vierzig. Die Wirtschaft ist Krieg. Ich bin eine Frau. Ich krieg ein Kind. Und schlag nachhaltig zurück. Mit ihren Waffen und noch gescheiteren Kindern. Mozart und Vivaldi sind auch gut für die Synapsenbildung nach dem Rechnen. Was denken Sie?“

Auf den oben offenen Kreis setze ich eine umgekehrte Schwalbe. Zwei Busen. Ein Bauch und zwei Busen oben drauf.

Ich denke, dass es völlig unzeitgemäß ist zu leiden. Wir sterben ja auch nicht mehr am Blinddarm. Ich werde schmerzfrei entbinden. Wissen sie, ich denke, dass genau das eine weibliche Entscheidung ist. Eine selbstbestimmte, starke Entscheidung. Nein“ zu sagen zum ewigen Geleide und Geheule der Frauen. Raus aus der Passivität. Nein zum Schmerz. Ich denke die Klageweiber die sogar so singen als weinten sie, werden niemals die Haifische besiegen. Was denken sie?

Mit dicker Bleistiftmine verwachse ich eine schraffierte Plazenta mit der Bauchinnenwand auf dem Papier. Eine Telefonkabelnabelschnur kreiselt sich in die Blattmitte und erschafft einen Embryobauch mit großem Herzen.

Ich denke, dass nur weil ich in denkenswerter Art und Weise im Großen und Ganzen erfolgreich war in der Wirtschaft, das nicht unbedingt bedeuten muss, dass ich ebenso erfolgreich Mutter sein werde. Doch ich sehe es als große Herausforderung. Das ist das Einzige, was ihnen verwehrt bleibt, den Männern. Tragen und Gebären. Wissen Sie, ich denke, dass mich das weiterbringen wird. Was denken Sie?“

Der Embryo bekommt einen Kopf. Mit einer dicken, runden, roten Nase. Und einem breiten weißen Grinsemund. Und auf den Kopf eine schwarze Melone.

Ich denke, dass ich keinen Mann brauche. Ich möchte mir nicht die Energie rauben lassen. Ich habe nur unreife Männer kennengelernt. Nur spielende Kinder. Vielleicht gewachsen, vielleicht gewieft, vielleicht begabt, vielleicht beliebt, aber nichts für die wirklich großen Projekte im Leben. Ich bin kein Goldfisch. Ich bin eine Frau. Und es gibt nichts was ich nicht selbst tun könnte. Was denken sie?“

Auf der Melone welkt eine Nelke. Und ihre fallenden Blütenblätter werden zu Tränen. Und die Tränen wachsen an und werden größer. Und runder. Und zu Bäuchen mit Busen, schwanger mit Clownembryonen, behütet von schwarzen Melonen und welkenden Nelken die weinen.


 

s.l.

Totenhochbett (2016)

Text & Musik: Sigrid Likar

Ich liege am Rücken auf Weidengeflecht und mein Kopf sucht die Ruhe der Mitte zurecht und doch aussichtslos schwankend von links über rechts, einer Stehauffrau gleich auf dem Weidengeflecht. Die Erdkugel hat sich im Großhirn verschanzt und in liegenden Achtern im Kreise sie tanzt. Meine Beine und Arme die pflanzen sich fort und erschaffen sich selbst und bewegen sich dort an den Rand, an die Kanten und ertasten an Ecken, vier haushohe Stämme, die ins Erdreich sich strecken. Und während der Kopf um sich selber nur kreist, auf der Suche nach Ruhe die die Mitte verheißt, finden Finger und Zehen am Baumholz entlang, einen Weg in die Tiefe zum Kindergesang. Dort herrscht wie am Jahrmarkt ein tanzendes Treiben und die Kinder, sie lachen und singen vom Bleiben. Wo die einen sich weinend umarmend noch wiegen, spürt man nebenan schon wieder Trauer versiegen. Eine Alte steht da wie ein Fass voller Bier und Tropfen um Tropfen fließen Tränen aus ihr. Mit Bechern in Händen stehn in Schlangen sie an und sie trinken die Tropfen und sie lachen sich an und in eins dieser Gläser da fällt nun ein Licht und inmitten der Tränen seh‘ ich mein Gesicht. Ich krabble mit Zehen und Fingern, je zehn, in die Becher und Augen und möchte mich sehen und solange mein Kopf auf dem Hochbett rotiert, es die Wesen am Boden nach Tränen noch giert und solange die Tropfen noch glitzern im Licht,  werd ich baden im eigenen Angesicht. Der Rausch wird nun wilder und die Kreise zum Sog und aus Wirbeln in Gläsern blitzen Augen in rot. Auf ein Zeichen, ich hör es, zünden Funken die Nacht, erst nur züngeln die Flämmchen, dann das Feuer erwacht. Es erstreckt sich und reckt sich, aus dem Rachen der Glut lodern gähnend die Flammen, ja, die Hölle brennt gut. Meine Hände und Beine ziehn sich wissend zurück in den Körper, den meinen, dort am Totenhochbett. Und im Abschied streift zärtlich noch mein Daumen ein Kind, dieses winkt mir durchs Feuer und läuft weiter geschwind. Das brechende, berstende Holz unter mir schlägt die Trommel zum sausenden Flammenchor. Grelle Hitze umfängt mich mit äußerstem Lärm, und ich gebe mich hin und ich will mich nicht wehrn. Ich steige in Funken zerfallen ins Licht, die Stille hält Einzug.

Ich fürchte mich nicht.


Technical Rider

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